Ausgesperrt! Die Türkei und die Zensur

Oktober 2, 2007 von rainerburkard

Die Internetseite http://www.wordpress.com ist ein gutes Beispiel für das, was heute Web 2.0 genannt wird. WordPress stellt eine Software zur Verfügung, mit dem jeder Nutzer in Kürze eigene Blogs erstellen kann. Sie ist einfach zu bedienen, jeder kann die Beiträge kommentieren und geschickt sind die Blogs miteinander verbunden. Die Seite zählt zu den weltweit meist genutzten Blogsystemen, „Apple, ZDNet, die New York Times, das Wall Street Journal und Reuters benutzen WordPress“ heißt es auf der Homepage.
Sucht man im Internet nach wordpress.com, erfährt man, dass die Homepage mit einem neuen Update endlich „Sicherheitslücken“ geschlossen habe. Mit Sicherheit haben die Macher der Seite allerdings derzeit weniger Probleme als mit freier Meinungsäußerung. Tatsächlich hat nämlich die Türkei nach Beschluss des türkischen Gerichtshofes „2007/195 of T.C. Fatih 2.“ seit dem 17.08., nach kurzem freiem Zugang wieder seit dem 13.09., alle Blogs auf der Internetseite für türkische Nutzer gesperrt. Seit China 2004 den Zugang zur englischsprachigen Google-News-Seite blockiert hat ist dies der größte Fall von Zensur im Netz.

Wie kam es dazu? Die Geschichte ist beispielhaft für den Umgang mit Intellektuellen in der islamischen Welt und wirft kein gutes Licht auf die neu gewählte, scheinbar demokratische Regierung Erdogan und auf die deutsche Presse. Die Geschichte beginnt fast privat. Edip Yüksel kritisierte in seinem Blog Adnan Oktar alias Harun Yahya. Auf wordpress.com schrieb Yüksel, was bereits der Verfassungsschutzbericht des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2005 feststellte: dass Harun Yahya die Aufklärung bekämpfe und in seinen Büchern einen islamischen Kreationismus verteidige. Den Holocaust leugnet Harun Yahya übrigens nicht mehr. Lieber spricht er heute von „geheimen Abmachungen zwischen den Nazis und den radikalen Zionisten“.

Weniger alltäglich als die Kritik an einem Unverbesserlichen ist die Reaktion der türkischen Regierung. Sie veranlasste nicht, wie zunächst gefordert, alle Blogs mit dem Namen Adnan Oktars zu entfernen: Sie sperrte gleich alle Blogs im Portal von WordPress.

Selbst wenn sich, wie Ali Eteraz im Guardian behauptet, in diesem Streit zwei konkurrierende muslimische Gruppen und nicht Säkularisten und Kreationisten gegenüber stehen – der Schlag gegen die Meinungsfreiheit bleibt ein Skandal. Mit der Zensur von WordPress wird deutlich, dass die Türkei derzeit weder ein liberaler noch ein säkularer Staat ist. Dass die deutsche Presse dieser Umstand nur dann interessiert, wenn es um eine angebliche Vergewaltigung wie im Fall Marco W. geht, ist das eigentliche Problem. Der mangelnde öffentliche Widerstand gegen den Akt willkürlicher Zensur wird andere Staaten vor dem nächsten Karikaturenstreit nicht zögern lassen, zum selben Mittel zu greifen. Und spätestens dann wird der Traum vom Web 2.0 Geschichte sein.

Dieser Artikel erschien zuerst unter http://www.achgut.com/dadgdx/.

“Friedensinstrument per excellence” Was Hans-Georg Knopp mit dem Goethe-Institut will

September 28, 2007 von rainerburkard

Hans-Georg Knopp ist Generalsekretär des Goethe-Instituts und ein freundlicher Mensch. Trotzdem attackieren die Medien ihn gern. Kein Wunder, schließlich wird Hans-Georg Knopp manchmal mit Guido Knopp verwechselt. Der ist auch ein freundlicher Mensch und auch er wird gerne von den Medien attackiert. Doch Guido ist präsenter, als Experte für massenkompatible Aufbereitung der Nazizeit ist er ein Liebling des ZDF. Mal ist seine betroffene Stimme zu hören, wenn Hitler seinen Hund füttert, mal wenn Hitler die Hand seiner dritten Sekretärin hält. Die Unterschiede der beiden Knopps werden bei einem Blick ins Internet deutlich: In Guido Knopps Wiki-Eintrag streiten sich die User seit Jahren, ob Knopp ein Historiker oder Hysteriker ist – über Hans-Georg Knopp gibt es in Wikipedia überhaupt keinen Eintrag.

Heute soll dafür Material geliefert werden. Und deshalb geht es in diesem Text mal nicht um Guido Knopp. Als Generalsekretär des Goethe-Instituts ist Hans-Georg der eigentliche Chef, das mit 150 Millionen Euro jährlich vom Außenministerium gefördert wird. Zwar gibt es Jutta Limbach, die Präsidentin, die hat aber vor allem repräsentative Funktionen und wird nächstes Jahr vom Bibliothekar Klaus-Dieter Lehmann abgelöst wird, der bisher Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war. Und so bekommt immer Hans-Georg Knopp geschimpft wie zum Beispiel letztes Jahr. Da hatte er eine Hausnachricht verschickt, in der er schrieb, das Goethe-Institut sei „nicht zuletzt ein vielgestaltiges Friedensinstrument per excellence”. Sofort wurde Knopp in der Süddeutschen Zeitung vorgeworfen, seine „schrägen Metaphern“ seien nur „ein Dutzend Floskeln“ und der Generalsekretär musste in Interviews erklären, warum er nicht Guido Knopp sei und warum das Friedensinstrument Goethe-Institut nicht mit der Kulturabteilung der Bundeswehr fusioniere und noch kein Massaker zwischen Darfur und den Golanhöhen verhindert habe. Wenn Hans-Georg Knopp versucht, Goethe effektiver zu gestalten und dafür mit McKinsey zusammenarbeitet wie vor ein paar Monaten, dann bekommt er von den Medien erst recht geschimpft.

Wenn Hans-Georg Knopp nicht Guido Knopp ist, was genau ist dann eigentlich das Goethe-Institut? Vor einem Jahr hat er für die Mitarbeiter ein „Leitbild“ des Goethe-Instituts formuliert. Sein Text ist genau eine Seite lang, er trägt die Überschriften: „Unsere Vision“ „Unsere Aufgaben“ und „Unsere Arbeitsweise“ und ruft mit leichter Hand Plattitüden ab wie diese: „Wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in aller Welt, stehen für ein offenes Deutschland.” oder diese: “Über kulturelle und politische Grenzen hinweg bauen wir Brücken. Wir entwickeln die Fähigkeit, Eigen- und Fremdbilder zu hinterfragen und konstruktiv mit kultureller Vielfalt umzugehen.“ Nur ein klein wenig blumiger fasst Knopp die Aufgaben: „Wir fördern und vermitteln die deutsche Sprache als Schlüsselqualifikation für Bildung, Beruf und Verständigung. […] Wir schaffen Zugang zu Wissen und Information über Deutschland. […] Wir fördern weltweit das Verständnis für Europa und entwickeln gemeinsame europäische Perspektiven.“
Der letzte Satz des Leitbilds klingt wie ein Donnerschlag und ist doch bloß eine Tautologie: „Wir leben und arbeiten in Vielfalt und sind zugleich ein Institut: das Goethe-Institut.“

Knopp spricht weder davon, dass das Goethe-Institut ein „Friedensinstrument“ sei, wie noch vier Monate zuvor, noch davon, dass das Goethe-Institut wirklich sein müsse, weder von Goethe noch von Politik ist die Rede. Und obwohl die Bedeutung des Goethe-Instituts in der Geschichte nicht erwähnt wird, könnten die beliebigen Sätze auch in einer Sendung des Historikers Guido Knopp über „Magda Goebbels – Die Gefolgsfrau“ stehen. Bei einem Pfarrer, der einer Gemeinde so seinen Gott anpreisen würde, wären die Gläubigen längst eingeschlafen.
Doch was das Goethe-Institut wirklich tut, darüber wissen wir immer noch nichts. Und deshalb packt ein Praktikant des Instituts aus im nächsten Blog und berichtet von seinen Aufgaben, seinen Arbeitsweisen und seiner Vision.

Kopf(tuch) ab?

September 26, 2007 von rainerburkard

Hilmi Or, 35 jähriger türkischer Augenarzt, der in Schwaben studiert hat, verdreht die Augen und seufzt: „Es gibt Gegenden im Südosten der Türkei, da tragen 90% der Frauen ein Kopftuch, 10% sind ganz verschleiert.“ Or sitzt in der Beiratssitzung des Deutsch-Türkischen Kulturbeirats im Goethe-Institut. Bis vorhin hat er noch Witze gemacht, jetzt wirkt er verzweifelt: „In größeren Städten wie Erzurum tragen schon 40% der Frauen Kopftuch und selbst in Istanbul werden es immer mehr!“
Hilmi Or ist nicht der einzige Intellektuelle in der Türkei, der sich Sorgen macht. Seit die konservativ-islamische Partei AKP im vergangenen Juli mit 50% der Stimmen die Parlamentswahl gewann und Ministerpräsident Tayyip Erdogan seinen frommen Freund Abdullah Gül zum Präsidenten machte, sehen viele patriotische Türken nicht mehr rot.
In der Sitzung heute geht es aber eigentlich nur entfernt ums Kopftuch. Das Goethe-Institut in Istanbul, so die Leiterin, brauche ein neues Gebäude, weil das alte zu klein sei. Die Sprachkurse sind nämlich überfüllt, nachdem das neue Zuwanderungsgesetz der Bundesregierung allen Ausländern, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, vorschreibt, bitteschön deutsch zu reden. Wo Analphabeten vom Land den Kurs nicht schaffen und deshalb nicht zu ihrem Mann nach Deutschland kommen, müsste man den Damen nicht noch Vorwürfe wegen ihres Äußeren machen. Muss man aber. Denn viele jüngere Frauen aus kleinen türkischen Gemeinden weigern sich, ihr Kopftuch abzulegen. Und mit Kopftuch in der Türkei kein Unterricht. Nicht in öffentlichen Schulen, und genau dahin muss das Goethe-Institut ausweichen, wenn es zu eng wird. Schuld am Zwang ist Atatürk, der Vater der Türken, der seit 1925 die Türkei in die laizistische Zukunft führt. Einen Ausweg für Goethe scheint da nur ein neues großes Gebäude zu liefern.
Warum ist die Debatte um das Kopftuch so wichtig? Sie ist die Gretchenfrage des Landes, sie zwingt jeden Türken zwischen Religion und Heimat zu entscheiden. Und in der Türkei herrscht Wahlpflicht. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat in seinem letzten Roman „Schnee“ erzählt, wie dieser Streit die kleine osttürkische Stadt Kars an den Rand des Wahnsinns bringen kann.

In den letzten Wochen wird in der Türkei nicht zum ersten Mal darüber beraten, Atatürks Kurs zu korrigieren. Obwohl Ministerpräsident Erdogan seit vier Jahren beteuert, die Trennung von Staat und Kirche nicht anzutasten, könnte das Kopftuchverbot fallen. Für viele wäre das der Anfang vom Ende und auch in der Sitzung sind sich hier schnell alle einig: ja, es sei nur noch eine Frage der Zeit bis das Gesetz abgeschafft sei, ja, die Türkei sei hoffnungslos rückschrittlich und gehe finsteren Zeiten entgegen. Dass in diesem Fall endlich auch in öffentlichen Schulen unterrichtet werde könnte, interessiert jetzt niemanden mehr. Kopf(tuch) ab?

Die Kopftuchdebatte ist unehrlich und sie schürt unbegründete Ängste. Als ich in der 4. Klasse war, passten ältere Frauen mit Kopftüchern in einem Klosterinternat auf mich auf und niemand hat es gestört. Dass man sich heute am Kopftuch eines muslimischen Mädchens hysterisiert, ist in der Türkei ein Zeichen für ihre Weltuntergangsmentalität; in den anderen westlichen Ländern markiert die Kopftuchdebatte die Sehnsucht nach einem neuen Feindbild, nachdem seit der Wende keines mehr zur Verfügung steht. In den 70er und 80er Jahren noch ein wichtiger amerikanischer Partner gegen den Kommunismus wird in besseren Kreisen heute darüber gewettert, der Islam sei die Guillotine der Freiheit. Doch diese Vor-Urteilung hat nichts zu tun mit aufklärerischen westlichen Werten, das bewies zuletzt der Karikaturenstreit. Besonders tolerant war es jedenfalls nicht, dummen Provokationen islamischer Einpeitscher mit dummen Provokationen europäischer Publizisten zu antworten.
Gerade meldet die türkische Zeitung Cumhuryiet, auf den neuen EU-Münzen gäbe es die Türkei nicht mehr. Wenn das eine Antwort sein soll auf die Wahl Abdullah Güls, war es die falsche. An keinem Kopftuch der Welt lässt sich ablesen, ob die Trägerin gleich eine Bombe zünden wird.

Konnte Napoleon Türkisch?

September 20, 2007 von rainerburkard

Heute möchte ich über Niederlagen schreiben.
Kommt man in ein fremdes Land, als Tourist oder um dort zu arbeiten, wird man sich erst dann wohl fühlen, wenn man mit Niederlagen umgehen kann.
Was verstehe ich unter Niederlage? Adelung, Goethes Wörterbuch von 1793, sagt präzise: „Niederlage ist eine Handlung, da ein Ding niedergeleget wird.“ Die schlimmste Niederlage im Ausland ist die, die Landessprache nicht zu verstehen, eine Niederlage, an die sich viele kleine Niederlagen anschließen. Versteht man die Landessprache nicht und lernt man sie auch nicht, wie ich in Istanbul, legt man den Wunsch, die Sprache zu lernen, ab, was laut Adelung eben eine ‚Niederlage’ ist. In der Türkei, selbst im westlichen Viertel Beyoglu, spricht fast niemand eine Fremdsprache, irgendeine wohlgemerkt. Mit Deutsch kommt man vom 3. Stock des Goethe-Instituts bis zum Pförtner, mit Englisch ein klein bisschen weiter: bis zum Gemüsehändler nebenan. Dass in der Türkei niemand eine Fremdsprache beherrscht, liegt übrigens daran, dass das Schulsystem dort lange Mathematik und die Vermittlung der Naturwissenschaften in den Vordergrund stellte. In Istanbul beispielsweise hat das eigene Kind nur eine Chance, Deutsch zu lernen, wenn man für die deutsche Schule das Schulgeld in Höhe von 5000€ im Jahr zahlt. Ohne die Sprache zu beherrschen erlebt man in einem Ausland wie der Türkei also ein permanentes Gefühl des Ungenügens. Da hilft es auch nicht, dass ich auf der Straße immer wieder auf Türkisch angesprochen werde, weil die Türken meinen, ich wäre ein Türke (ob das an meinen roten Nike-Schuhen liegt? Die meisten hier stehen doch auf Adidas..).

Hat man seinen Wunsch, die Sprache zu verstehen, niedergelegt, hat das Konsequenzen. Man versteht die Werbung an den Straßen nicht, die mit ihrer obszönen Bildlichkeit doch nur ein Minimum an Sprachfähigkeit verlangen, man versteht die Witze der Türken in der Mittagspause nicht, die Augen listig zugekniffen, man kann nicht mal fragen, ob man auf der Straße Fußball mitspielen darf. Warum habe ich den Wunsch, die Sprache zu sprechen, so schnell niedergelegt? Die türkische Sprache ist schwer, besonders, wenn man gewöhnt war, jedem Wort in einer Sprache auf den Grund zu gehen. Geht man einem Wort wie ‚Bereket Döner’ auf den Grund, so kommt man irgendwann darauf, dass man der Übersetzung ‚Döner von Bereket’ nicht viel hinzufügen kann. Es gibt aber neben der eigenen Dummheit und der eigenen Faulheit noch eine andere Erklärung auf die Frage, warum ich nicht Türkisch lerne, eine andere als die Schwierigkeit der Sprache für mich als Indogermanen: nämlich die Entfesselung von Kreativität. Wie viele staunende Blicke erhält man, wenn man dem Herrn im Supermarkt endlich erklären kann, dass man eine Glühbirne und, sagen wir, keine Williamsbirne kaufen will – pantomimisches Potential ist gefragt. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass man in der Türkei als Tourist authentischer ist, wenn man die Sprache nicht kann. Nichts schlimmer, als Ausländer, die sich mit schnell gelernten Wörtern wie ‚lütfen’ (bitte) oder ‚merhaba’ (Hallo!) bei Türken anbiedern wollen. Zum Glück können sich diese Menschen schon ‚Danke’ nicht mehr merken: teşekkür ederim.

Um es mit Goethe zu formulieren: Auf eine drohende Niederlage (und die Niederlage, Türkisch nicht sprechen zu können, ist für jeden Fremden in der Türkei drohend) reagiert man am besten, indem man derselbe bleibt: „Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen.“ So charakterisierte Goethe Napoleon. Und wie man mit Niederlagen in der Türkei umgeht, wusste schließlich keiner besser als dieser: Der Franzose besiegte 1798 in Ägypten den osmanischen Sultan Selim III.

 

Das Leben auf der Istiklal caddesi

September 16, 2007 von rainerburkard

Springt man von einer fahrenden Tram, fährt sie auch nur wenig schneller als Schritttempo, muss man aufpassen nicht hinzufallen. In James-Bond-Filmen sieht das bedeutend einfacher aus. Ich bin heute mit der Tram Nr. 1 die Istiklal caddesi entlang gefahren, „Straße der Freiheit“, heißt sie auf Deutsch, von Taksim, dem großen Platz im Nordosten Beyoglus, nach Tünel. Das ist mein täglicher Gang zur Arbeit. Auf der Straße der Freiheit hat man vor allem die Freiheit, alles kaufen zu können, was man bezahlen kann. Diese Freiheit gibt sich global: Adidas, Benetton, Starbucks, McDonalds, Vodafone, viele Unternehmen haben in Istanbul und seine Touristen investiert. Außerdem hat man die Freiheit, auf dieser Straße gehen zu können, wohin man will – so lange das die Polizei zulässt. Polizeiautos verscheuchen die vielen Fußgänger so häufig wie die Trambahn, manchmal flanieren die Polizisten auch selbst: manchmal mit der MP im Anschlag. Vielleicht man gerade deshalb das Auf- und Abspringen bei einer Tram soviel Spaß: weil man damit nichts kaufen und erschießen kann.

Die echte Freiheit dieser langen Straße besteht aber darin, dass hier gehen kann, wer will. Hier kommen alle Schichten zusammen. Die ersten, die mir einfallen, wenn ich an Istiklal denke, sind die Jungs, die abends auf der Straße das Leder zuspielen. Seit meinem letzten Campingurlaub in Italien habe ich nicht mehr junge Leute gesehen, die mit so viel Spaß und so viel Gefühl einen Fußball in der Luft halten können.

Es gibt nicht nur junge Menschen sondern auch arme. Einige von ihnen betteln, nicht viele und meist auf den Seitenstraßen, denn offiziell ist das Betteln in der Türkei verboten. Und wieder denke ich an Italien: in Neapel war es das erste und letzte Mal, dass ich eine Frau gemeinsam mit ihrem Kind gesehen habe, die um Almosen baten. Damals hat mich das sehr getroffen. Hier sehe ich wieder eine Mutter mit ihrem schlafenden Kind auf den Knien. Aber seltsam, meine Reaktion ist heute eine andere. Ich ärgere mich. Über die Mutter, die ihrem Kind das antut, über die Scham, der mich die Mutter aussetzt. Dabei weiß ich noch viel zu wenig über die Türkei: ist es so, dass Menschen durch das soziale Netz fallen können, dass sie auf das Betteln angewiesen sind? Hat die Frau hier keine Chance, eine Arbeit zu bekommen?

Und wie passt diese Mutter zu anderen aus diesem Viertel? Da sehe ich einen jungen Türken, auf dessen T-Shirt „I’l make you famous“ steht – ist das selbstbewusst oder ironisch? Ich sehe wunderschöne hippe Pärchen, sehe Geschäftsleute mit entschiedenem Schritt und sehe von weitem zwei Touristen in marsmännchengrünen Hemden. Die Deutschen erkennt man auch gleich. Man weiß und sieht es einfach, hört kurz zu und geht befriedigt weiter. Das geht so weit, dass ich auf der Straße ein „Guten Morgen“ fallen lasse und ich in jedem Fall ein „Guten Morgen“ zurückbekomme, ein Grund, ins Gespräch zu kommen, ist das aber nicht – die Deutschen wundert es schlicht nicht, dass man sie in der Türkei in ihrer Sprache anredet. Deutsche haben oft eine Leidensmiene auf, sehen von Zeit zu Zeit von ihrem Gesprächspartner weg in die Ferne, als ob sie prüfend in die Zukunft schauen würden. Und sie sehen biederer aus als die anderen, biederer jedenfalls als die Türken („I’l make you famous“). Interessant auch, wen ich nicht sehe: ich sehe keinen Punk und keinen Hip-Hopper. Doch halt, jeweils einen von ihnen habe ich in einer Seitenstraße mal gesehen, sonst wäre mir gar nicht aufgefallen, dass sie fehlen.

Einen Bewohner der Istiklal-caddesi gibt es noch. Bewohner ist schon richtig, er steht nämlich immer am gleichen Fleck, dazu aber in vierfacher Ausführung. Diesen Bewohner mag ich nicht, genauso wenig wie seine Brüder in Berlin und München und in bestimmt vielen anderen europäischen Städten. Er ist kein Ausländer, er ist aber auch kein Inländer. Ein Globländer vielleicht. Denn mit ihm lässt sich Geld verdienen. Dabei ist er nicht echt. Er ist aus Plastik und er tut für einen unaufmerksamen Augenblick so als ob er öffentliche Kunst wäre. Gemeint sind die Tierplastiken, die als Symbole für eine bestimmte Stadt herhalten müssen und deshalb in verschiedenen Versionen über diese Stadt verteilt sind. In Istanbul ist es ein Stier, der mal mit Glitzer überschüttet, mal gelb, mal türkeirot daherkommt. Dabei kommt der Stier doch aus Griechenland! Zeus hat in dieser Verkleidung Europa aus Theben geraubt und sie nach Kreta entführt. Griechen und Türken sind, wie jeder weiß, nicht sehr gut befreundet, siehe Zypern. Wenn die Griechen wüssten, dass die Türken ihnen nun auch noch ihr Maskottchen streitig machen?

Egal, auf der Istiklal caddesi haben alle Platz. Und wenn ich  Montagabend von der Arbeit zurückgehe, dann spiele ich endlich mit den Jungs Fußball.

Vor Allah essen alle Menschen gleich

September 12, 2007 von rainerburkard

Wie erkennt man im Ausland, ob man sich eingelebt hat? Man isst das, was die Einheimischen essen und wartet ab, ob es der Magen verträgt.

Türken sind beim Trinken nicht wählerisch. Sie nehmen genau drei Flüssigkeiten zu sich: Wasser, Tee und Ayran. Wasser gibt es in großen Kanistern zu kaufen und wird im Restaurant meist gratis nachgeschenkt. Wasser aus der Leitung sollte man besser nicht trinken, manchmal kommt es abends auch nicht aus dem Hahn. Dann kann man sich eben nicht duschen. Tee dagegen wird in Restaurants oder Büros wie dem Goethe-Institut in zwei Kannen vorbereitet: In der kleineren Kanne ist konzentrierter Schwarztee, in der größeren heißes Wasser zum Mischen. Ausgeschenkt wird der Tee in Gläschen ohne Henkel und ohne Untersatz. Auf der Straße sitzen also kleine, braun gebrannte Männer mit schwarzem Schnurrbart und halten den kleinen goldbraunen Tee zwischen ihren Händen. Sie sitzen da und lächeln und der Tourist hetzt an ihnen vorbei. Ein schönes Bild.
Ayran schließlich ist eine Art flüssiger Magerjoghurt. Er schmeckt nach nichts, ist aber viel beliebter als ‚sük’, Milch, die es deshalb auch in der Türkei nicht frisch gibt. Ich will ein guter Türke sein und habe drei Tage lang meine Cornflakes mit Ayran gegessen, länger ging es nicht. Ayran liegt jetzt halbvoll im Kühlschrank.

Alkohol wird selten getrunken. Ab heute wird man kaum noch jemanden mit einer Weinflasche sehen, schließlich ist Ramadan und Allah sieht überall hin.
Auch im Essen lassen sich Deutschland und die Türkei schwer vergleichen. Als deutsche Hausfrauen 1961 die ersten türkischen Gastarbeiter am Bahnhof begrüßten, schenkten sie ihnen Würste und Bananen. Doch Schweinswürste konnten die Neuen nicht essen, Bananen kannten sie nicht. Das ist heute anders. Überall in Istanbul kann man Bananen kaufen, Pfirsiche, Pflaumen, Melonen und Trauben. Alles schmeckt besser als in Deutschland. Und der Fisch erst! Am Bosporus verkaufen Einheimische Fast-Food in Form von Fischbrötchen. Erstaunlich, aber man braucht nur ein Stück Weißbrot, einen frischen Bratfisch und ein paar Zwiebelstreifen. Lecker.

Was an der Straße noch gern verkauft wird und aus dem Wasser kommt sind Muscheln. Davon habe ich noch keine probiert. Gut sind die Maiskolben, die es entweder gegrillt oder in Öl gekocht gibt und meist eine türkische Lira kosten (60 Cent). Obst, Fisch, Gemüse also. Doch der Schein trügt. Türken sind Fleischesser. Es gibt Hühnchenfleisch, Kalbfleisch, Rindfleisch und Schafsfleisch, eingelegt in einem Teigmantel (Dürüm) oder in einer Käsesoße, dazu Brot. Gern wird das Fleisch auch mit Kartoffeln kombiniert, auch wenn hier die Phantasie versagt: meist werden die Kartoffeln klein geschnitten und mit den Fleischstücken vermengt, Pommes gibt es nebenan im McDonalds. Nach Kartoffelklößen oder Kartoffelpuffern sollte man hier besser nicht fragen.

Europas Koch-Könige sind die Türken aber nach dem Essen, bei der Nach-Speise. Lecker, diese Karamelreispuddings, die süßen Gelees und das frische Obst!

Ob mein Magen das alles vertragen hat? Nein, das hat er in den ersten Tagen nicht. Mit dem Einleben dauert es. Aber auch wenn ich mit Ayran meine Schwierigkeiten habe: Schweinebraten, Blaukraut und deutsches Bier vermisse ich nicht hier.

Der Türke stinkt. Oder?

September 10, 2007 von rainerburkard

Natürlich sind Türken nicht schmutziger als die Deutschen. Im Gegenteil. Sauber zu sein bedeutet für gläubige Muslime nicht einfach nur äußere Sauberkeit. Beim täglichen Gebet ist die Waschung (wudhu) ist wichtigster Bestandteil, der Gläubige muss sich bei den fünf Gebeten am Tag Füße, Arme, Kopf, Mund, Ohren und Nase waschen. Es heißt, um genau zu sein: „Man reinige die Nase durch Inhalieren und Ausblasen von Wasser (3mal)“ „Sauberkeit“ bedeutet für viele Türken aber noch mehr: Sauberkeit nach Innen, Ehrlichkeit. Im Deutschen verliert sich das zwischen den Wörtern „Reinlichkeit“ und „Reinheit“. Auch bei der rituellen Waschung muss sich der Betende die Absicht (nijja) zur Waschung bewusst machen, sonst gilt sie nicht. Das komplizierte Regelwerk gibt übrigens einen Vorgeschmack auf die Regeln des Ramadan, des Fastenmonats, der für Muslime am kommenden Mittwoch beginnt. Da dürfen sie von morgens bis mitternachts nicht nur nichts essen, nichts trinken, nichts rauchen, sie dürfen auch ihre eigene Spucke nicht schlucken. Aber zurück zu den scheinbar schmutzigen Türken. Der Türke stinkt nicht. Oder?
Woher dann dieses Vorurteil, Türken seien schmutzig?

Zunächst mal ist dieses Vorteil noch gar nicht so alt. Bis ins 20. Jahrhundert wurde dem Türken nämlich allerhand nachgesagt, zum Beispiel, dass er nicht besonders helle sei („Dem Türken kommt der Verstand erst, wenn es zu spät ist.“), dass der Türke antimodernistisch und klaustrophob sei („Dem Türken scheint die Stadt ein Gefängniss.“) oder auch, dass er Dinge gründlich tue („Wohin ein Türke seinen Fuss setzt, da wird das Erdreich auf hundert Jahre unfruchtbar.“). Nirgendwo aber ist die Rede davon, dass er stinke. Dieses Vorurteil lässt sich genau datieren: 1961 kam es nach Deutschland mit dem ersten Gastarbeiter und dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen. Die meisten der aufgebauten Türken arbeiteten im Kohlebergbau oder dort, wo kein Deutscher arbeiten wollte, etwa bei der Müllabfuhr oder als Heizungsmonteure. Alles keine Berufe, bei denen Parfüm länger hält.

Doch noch einmal zurück zu den schmutzigen Türken in der Türkei. Dem deutschen Touristen, selbst wenn er aus dem schmuddligen Berlin kommt, fällt nämlich sofort etwas auf: dass es in Istanbul nämlich nirgendwo Mülleimer gibt. Und schon ist er geneigt, seine These vom schmutzigen Türken dem nächsten Türken umso vehementer unter die Nase zu halten. Der Türke stinkt. Oder?
Um diese Frage zu beantworten, muss man Geduld haben und genau hinsehen. Man merkt bald, dass viele Türken ihren Maiskolben auf die Straße werfen und Kneipenbesitzer ihr Schmutzwasser auf die Straße kippen. Man sieht kurz danach aber auch jemanden, der den Maiskolben aufhebt und das Schmutzwasser abschrubbt. Und das rund um die Uhr. Diese städtische Einsatzkraft lässt überall kleine Plastiksäcke stehen, die mit Müll gefüllt sind. Zwischen 4 und 6 Uhr morgens kommt dann ein Müllauto und holt sie ab. Das ist alles nicht besonders systematisch. Sauber ist es aber . Und bequem. Nur ein bisschen verrückter als in Deutschland. Isst beispielsweise ein Muslime Simit zum Frühstück, ein kreisrundes Sesamgebäck, bückt er sich, um die Krümel aufzuheben, lässt sie in einer Zimmerecke aber wieder fallen. Aber was ist schon logisch in einem Land, das sich einen Halbmond auf die Fahnen schreibt und in dem Touristen der Weg beschrieben wird, auch wenn niemand genau weiß, wo man hin will?

Ausstellungsdauerfeuer

September 7, 2007 von rainerburkard

Schon lange nicht mehr nur unter vorgehaltener Hand wird Istanbul in der Kunstszene das „neue New York“ genannt. Istanbul ist in und das spürt jeder, der zur Eröffnung der neuen Saison im September 2007 in die Stadt kommt. Auf Vernissagen treffen sich junge türkische Künstler, die coolere T-Shirts tragen als im Prenzlauer Berg, bei einem Becks wird in zehn Sprachen über die internationale Szene gesprochen, die Qualität der Willkommens-Häppchen verglichen und Smalltalk gemacht – wie sonst überall auch.

Doch was Istanbul wirklich vom Rest der Kunstwelt unterscheidet, ist zunächst einmal die schiere Quantität. In der Woche zwischen dem 4. und dem 11. September kann man jeden Abend auf fünf verschiedenen Ausstellungseröffnungen die gleichen Snacks essen und den gleichen Eröffnungswein trinken. Um nur ein Highlight der vergangenen Tage zu nennen: die Ausstellung „Time present, time past“ bietet eine Rückschau auf die letzten neun Istanbuler Biennalen im Museum Istanbul Modern, in dem sich seit der Gründung 2004 die Bedeutung junger (türkischer) Kunst kristallisiert – inklusive betörenden Blick auf den Bosporus. Jeder der Kuratoren (darunter der deutsche René Block) hatte die drei wichtigsten Werke ‚seiner’ Biennale mitgebracht und so kam es zu einer eindrucksvollen Leistungsschau zeitgenössischer Kunst, die neugierig macht auf die diesjährige Biennale, die heute eröffnet wird und die viel darüber erzählt, was in zwei Jahrzehnten alles mit Istanbul geschehen ist.
In ihrer viel diskutierten Installation „God of Religions, Religions of Gods“ hat Serhat Kiraz auf der zweiten Biennale 1989 religiöse Gründungsbücher in vier Vitrinen gesammelt: Das Buch Moses, Buch David, den Koran und eine protestantische Ausgabe der Bibel. Sie sind um eine Vitrine angeordnet, die leer bleibt. Das leere Zentrum symbolisiert als Gemeinsamkeit aller vier Bücher, das, was Küng „Weltethos“ genannt hat; gleichzeitig verweigert diese Leerstelle aber auch jede weitere Deutung.
Der ebenfalls türkische und in Istanbul geborene Installationskünstler Zabunyan Sarkis dagegen baute 1995 für den Beuys-Kurator René Block eine Sitzgruppe mit Namen „Arena“, in deren Zentrum er eine große Schüssel Reis gestellt hatte, die so zum Treffpunkt und Kommunikationsforum zwischen Museumsbesuchern werden sollte. Auch diesmal gab es hier wieder Reis mit Kichererbsen, eine Abwechslung zu trendigen Snacks.
Der wohl umstrittenste Beitrag aller Biennalen der letzten 20 Jahre war der Zyklus verschleierter Frauen von Shirin Neshat 1995. Neshat photographierte „Allahs Kämpferinnen“ – alles Selbstporträts – in aggressiven Posen, einmal mit einer auf den Betrachter gerichteten Pistole in der Hand. Immer wurde ein Teil mit Sätzen aus dem Koran übermalt, mal der Kopf, mal die Hand. Der terroristische Wahnsinn, den die Bilder beschwören, ist heute noch gegenwärtiger als vor 12 Jahren. Und die Vision, dass bei Shirin Neshat eine Frau zur fundamentalistischen Rächerin wird, ist von Tarantinos „Kill Bill“ mittlerweile medial eingeholt worden.

Istanbul ist neuer, Istanbul ist jünger. Hier ist der Altersdurchschnitt viel niedriger als in Deutschland, Pärchen gehen in Istanbul nicht ins Kino sondern ins Museum. Wenn die Biennale, der kulturelle Höhepunkt des Jahres, heute Abend eröffnet wird, wird man das wieder sehen.

 

Der Türke an sich, Beyoğlu vs. Kreuzberg

September 5, 2007 von rainerburkard

Heute will ich darüber schreiben, was hier in Istanbul alles anders ist als in Deutschland. Vielleicht sollte ich genauer sagen: was hier in Beyoglu, dem schicken, westlichen Stadtteil von Istanbul anders ist als in Berlin. Oder noch genauer: Was schicke Istanbul-Türken von meinen Kreuzberger Türken unterscheidet.

Zunächst unterscheidet sich der eine Türke vom anderen durch die Sprache. Das klingt logisch, ist es aber nicht. Wenn beide Türkisch sprechen, klingt der Kreuzberger Türke gepresst, kratzig und mischt seine Sätze mit deutschen Brocken. Spricht der Türke aus Beyoglu, singt er. Ich könnte diesem Türkisch den ganzen Tag zuhören, obwohl ich kein Wort verstehe. Peter Bichsel hat mal in einer Kolumne gesagt, er fühle sich am wohlsten, wenn er mit Spaniern Zug fahren würde: er verstehe nichts, könnte sich dabei aber denken, was er wolle. Ich kann mir nicht nur denken was ich will, wenn meine Begleiterinnen aus dem Goethe-Institut vor ihren Melonen sitzen und (vielleicht) über den Kollegen lästern, ich höre eine kleine Oper. Der Reiz erhöht sich noch, wenn ein Türke singt wie häufig auf der Straße oder ein Muezzin zum Gebet ruft. Schon in meiner ersten Nacht in Istanbul konnte ich das hören: wie um 05.30 Uhr aus dem Turm in alle Himmelsrichtungen Allah gepriesen wird. Dabei ist der Aufruf zum Gebet ein echter Kampf um Aufmerksamkeit. Am Fuß der Galatasaray-Brücke mit ihren schönen Fischrestaurants an der Seite stehen in unmittelbarer Entfernung zwei Moscheen. Doch obwohl im Glauben vereint, singen die Muezzins beider Häuser aneinander vorbei: erst der eine, später der andere dazu. Da wird es auf den Geschmack des Oberhirten ankommen: lieber früher gehört werden oder später damit aufhören, was ist besser? Das ist schwierig, wie die Frage, ob der erste Satz in einem Blog wichtiger ist oder der letzte. Erinnert sich jemand noch an meinen ersten Satz „Heute will ich darüber schreiben?“ oder eher an meinen letzten „Den kennt hier nämlich keiner.“?

Jedenfalls erinnert mich der Kampf der Moscheekulturen an den Kampf zwischen Evangelischen und Katholiken in Bayern. Sieht man genau hin, geht nämlich die Uhr evangelischer Kirchen oft ein wenig vor, Katholiken sehen ihnen das nach und lassen sich die Zeit.

Es gibt noch viele andere Unterschiede zwischen Türken hüben und drüben. Bei einer solchen Untersuchung kommt man zwangsläufig auf den Hund. Überall in Beyoglu liegen nämlich herrenlose Hunde herum, an jeder Ecke kann man eine Katze kraulen. Die Katzen sehen nicht viel anders aus wie andere europäische Kurzhaarkatzen. Manche haben eine Schelle um zum Zeichen, dass sie irgendwo Fressen kriegen, ohne dass sie auf Hilfe angewiesen wären. Anderen kann es passieren, dass sie irgendwo auf dem Müll landen. Die streunenden Tiere sind für viele nämlich ein echtes Problem, das sich nur durch Massaker lösen lässt. So kämpft die Schauspielerin Sibel Kekilli mit türkischen Tierschützern für den Schutz der Tiere unter dem Slogan „Nicht jedes Leben hat ein Happy End“. Was genau mit den Tieren passieren soll, und ob ihr eigenes Leben mal ein glückliches Ende haben wird, wissen sie allerdings auch nicht. Schließlich kann Frau Kekilli nicht alle Katzenhunde bei sich zuhause aufnehmen. Überhaupt scheinen die Türken hier besonders erfinderisch zu sein. Ich höre von einem Unternehmen der türkischen Regierung, herrenlose Straßenköter wie schon einmal 1910 in Wäldern auszusetzen, wo sie niemand hört.

In der größten türkischen Stadt außerhalb der Türkei, Kreuzberg, habe ich dagegen in drei Jahren noch nie einen Türken mit einer Katze an der Leine gesehen.

Je länger ich darüber nachdenke desto mehr glaube ich, dass Türken in Deutschland mit Türken in Beyoglu wenig zu tun haben. Beyoglutürken fasten an Ramadan, der nächste Woche beginnt, nur zu 50%, 50% trinken neben dem obligaten Tee Alkohol (in Kreuzberg traut sich das niemand, der Türke sein will) und türkische Mädels sind in Berlin selten sexy. In Beyoglu tanzen in den Nachtclubs Türken mit Ray Ban-Brillen und ohne Kopftuch um die Wette, in meinem Berliner Viertel trauen sich Frauen oft nicht mal aus der Wohnung.

Vielleicht liegen die Unterschiede daran, dass in Beyoglu das Wetter besser ist. Was soll man auch bei 35° mit einer schwarzen Ganzkörperbekleidung?

Doch ich will nicht unfair sein. Auf eine Sache, die ich hier in Istanbul vermisse, freue ich mich ganz besonders: auf den Kreuzberger Döner. Den kennt hier nämlich keiner.

Istanbul mon amour

September 5, 2007 von rainerburkard

Liebe Angehörige.

Seit 16 Stunden bin ich in Istanbul. Meine Uhr im Laptop will mir das nicht glauben, aber es ist so. Sie behauptet hartnäckig, es seien nur 15 Stunden, sie will mir meine Erfahrungen hier nicht gönnen, aber ich weiß es besser: in Istanbul gehen die Uhren eine Stunde schneller. Die Idee, der Zeit Beine zu machen ist dabei gar kein alter Hut. Sie hatte nicht nur Atatürk in den 20er Jahren sondern vor einer Woche auch Hugo Chavez in Venezuela. Dort sollen bald alle Uhren 30 Minuten vorgehen. Den Sozialismus in seinem Lauf…

Aber das nur nebenbei, schließlich sind wir in der Türkei. Apropos nebenbei: Wenn ich mich weiterhin so im Essayismus verliere, dann lesen mich in meinem zweiten Blog nur noch die Pflichtleser und der Blog bleibt nach 2000 Seiten bei Rowohlt Fragment. Und überhaupt: Pflichtleser. Wer will schon Pflichtleser? Pflichtleser sind wie Amerikaner, die nichts zu verzollen oder Katholiken, die nichts zu beichten haben. Wer es noch nicht gemerkt hat: Dies ist mein ein erstes Mal. Dies ist mein allererster Blog. Und ich werde mich am Riemen reißen, meine mir Hörigen, bzw. meine mir Lesenden nicht zu langweilen, nicht zu langweilen, nicht zu langweilen. Schließlich will ich nicht so tun, als hätte ich nicht nichts zu erzählen!

Übrigens findet mit euch, meine lieben Angelesenen, eine wunderbare Aufwertung statt. Ich habe nämlich nicht einfach auf „Kontaktadresse: alle“ gedrückt, nein nein nein!, ich habe jedem den Puls gefühlt und fein säuberlich den Pils vom Weizen getrennt. Mit dem Auswählen der Adressaten habe ich mich länger aufgehalten, als damit, diesen Mist hier hinzurotzen. Ihr seid die blühende Saat, alle anderen sind durch den Rost gefallen (oder kriegen von mir keinen solchen Einheitsbrei vorgetippt sondern so liebevolle, ganz persönliche Mails). Unter www.berlinergazette.de gibt es diesen Blog auch noch mal zum Nachlesen, damit ich bei der Sache auch ein bisschen was verdiene. Nein, das war jetzt gelogen. Ich bekomme nicht mal im Goethe-Institut Geld und auch mein türkischer Vermieter steckt mir auch nicht heimlich etwas zu, so wie ich das von der groß geschriebenen türkischen Gastfreundschaft erwartet hatte. Von der Luft allein kann man in Istanbul übrigens nicht leben, die ist nämlich ziemlich dreckig.

Meine 3.082 Zeichen sind fast um und länger will ich nun wirklich niemandem angehören. Ich wollte im ersten Blog auch nur kurz zusammenfassen, was ich am ersten Tag alles erlebt habe, wie die Arbeit hier im Goethe-Institut ist und was ich mich verteidigt habe, als mich nach der Landung um 4.00 Uhr in einer dunklen Seitenstraße zwei Türken anmachten, der eine auf Bayerisch, der andere auf Englisch. Ich wollte nur kurz aufklären, warum die Türken keine Mülleimer haben, stattdessen die Menschen nachts auf der Straße liegen. Und warum mein Vermieter Alkoholiker ist, zu seinem Geburtstag Thüringer Bratwürste will und warum die Toilette ausläuft und warum meine Schlafzimmertüre ein Loch hat. Und vor allem: wie die Aussicht von unserem Restaurant im 5. Stock auf den Bosporus ist. Wie gesagt: später mehr.