Istanbul mon amour

By rainerburkard

Liebe Angehörige.

Seit 16 Stunden bin ich in Istanbul. Meine Uhr im Laptop will mir das nicht glauben, aber es ist so. Sie behauptet hartnäckig, es seien nur 15 Stunden, sie will mir meine Erfahrungen hier nicht gönnen, aber ich weiß es besser: in Istanbul gehen die Uhren eine Stunde schneller. Die Idee, der Zeit Beine zu machen ist dabei gar kein alter Hut. Sie hatte nicht nur Atatürk in den 20er Jahren sondern vor einer Woche auch Hugo Chavez in Venezuela. Dort sollen bald alle Uhren 30 Minuten vorgehen. Den Sozialismus in seinem Lauf…

Aber das nur nebenbei, schließlich sind wir in der Türkei. Apropos nebenbei: Wenn ich mich weiterhin so im Essayismus verliere, dann lesen mich in meinem zweiten Blog nur noch die Pflichtleser und der Blog bleibt nach 2000 Seiten bei Rowohlt Fragment. Und überhaupt: Pflichtleser. Wer will schon Pflichtleser? Pflichtleser sind wie Amerikaner, die nichts zu verzollen oder Katholiken, die nichts zu beichten haben. Wer es noch nicht gemerkt hat: Dies ist mein ein erstes Mal. Dies ist mein allererster Blog. Und ich werde mich am Riemen reißen, meine mir Hörigen, bzw. meine mir Lesenden nicht zu langweilen, nicht zu langweilen, nicht zu langweilen. Schließlich will ich nicht so tun, als hätte ich nicht nichts zu erzählen!

Übrigens findet mit euch, meine lieben Angelesenen, eine wunderbare Aufwertung statt. Ich habe nämlich nicht einfach auf „Kontaktadresse: alle“ gedrückt, nein nein nein!, ich habe jedem den Puls gefühlt und fein säuberlich den Pils vom Weizen getrennt. Mit dem Auswählen der Adressaten habe ich mich länger aufgehalten, als damit, diesen Mist hier hinzurotzen. Ihr seid die blühende Saat, alle anderen sind durch den Rost gefallen (oder kriegen von mir keinen solchen Einheitsbrei vorgetippt sondern so liebevolle, ganz persönliche Mails). Unter www.berlinergazette.de gibt es diesen Blog auch noch mal zum Nachlesen, damit ich bei der Sache auch ein bisschen was verdiene. Nein, das war jetzt gelogen. Ich bekomme nicht mal im Goethe-Institut Geld und auch mein türkischer Vermieter steckt mir auch nicht heimlich etwas zu, so wie ich das von der groß geschriebenen türkischen Gastfreundschaft erwartet hatte. Von der Luft allein kann man in Istanbul übrigens nicht leben, die ist nämlich ziemlich dreckig.

Meine 3.082 Zeichen sind fast um und länger will ich nun wirklich niemandem angehören. Ich wollte im ersten Blog auch nur kurz zusammenfassen, was ich am ersten Tag alles erlebt habe, wie die Arbeit hier im Goethe-Institut ist und was ich mich verteidigt habe, als mich nach der Landung um 4.00 Uhr in einer dunklen Seitenstraße zwei Türken anmachten, der eine auf Bayerisch, der andere auf Englisch. Ich wollte nur kurz aufklären, warum die Türken keine Mülleimer haben, stattdessen die Menschen nachts auf der Straße liegen. Und warum mein Vermieter Alkoholiker ist, zu seinem Geburtstag Thüringer Bratwürste will und warum die Toilette ausläuft und warum meine Schlafzimmertüre ein Loch hat. Und vor allem: wie die Aussicht von unserem Restaurant im 5. Stock auf den Bosporus ist. Wie gesagt: später mehr.

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