Heute will ich darüber schreiben, was hier in Istanbul alles anders ist als in Deutschland. Vielleicht sollte ich genauer sagen: was hier in Beyoglu, dem schicken, westlichen Stadtteil von Istanbul anders ist als in Berlin. Oder noch genauer: Was schicke Istanbul-Türken von meinen Kreuzberger Türken unterscheidet.
Zunächst unterscheidet sich der eine Türke vom anderen durch die Sprache. Das klingt logisch, ist es aber nicht. Wenn beide Türkisch sprechen, klingt der Kreuzberger Türke gepresst, kratzig und mischt seine Sätze mit deutschen Brocken. Spricht der Türke aus Beyoglu, singt er. Ich könnte diesem Türkisch den ganzen Tag zuhören, obwohl ich kein Wort verstehe. Peter Bichsel hat mal in einer Kolumne gesagt, er fühle sich am wohlsten, wenn er mit Spaniern Zug fahren würde: er verstehe nichts, könnte sich dabei aber denken, was er wolle. Ich kann mir nicht nur denken was ich will, wenn meine Begleiterinnen aus dem Goethe-Institut vor ihren Melonen sitzen und (vielleicht) über den Kollegen lästern, ich höre eine kleine Oper. Der Reiz erhöht sich noch, wenn ein Türke singt wie häufig auf der Straße oder ein Muezzin zum Gebet ruft. Schon in meiner ersten Nacht in Istanbul konnte ich das hören: wie um 05.30 Uhr aus dem Turm in alle Himmelsrichtungen Allah gepriesen wird. Dabei ist der Aufruf zum Gebet ein echter Kampf um Aufmerksamkeit. Am Fuß der Galatasaray-Brücke mit ihren schönen Fischrestaurants an der Seite stehen in unmittelbarer Entfernung zwei Moscheen. Doch obwohl im Glauben vereint, singen die Muezzins beider Häuser aneinander vorbei: erst der eine, später der andere dazu. Da wird es auf den Geschmack des Oberhirten ankommen: lieber früher gehört werden oder später damit aufhören, was ist besser? Das ist schwierig, wie die Frage, ob der erste Satz in einem Blog wichtiger ist oder der letzte. Erinnert sich jemand noch an meinen ersten Satz „Heute will ich darüber schreiben?“ oder eher an meinen letzten „Den kennt hier nämlich keiner.“?
Jedenfalls erinnert mich der Kampf der Moscheekulturen an den Kampf zwischen Evangelischen und Katholiken in Bayern. Sieht man genau hin, geht nämlich die Uhr evangelischer Kirchen oft ein wenig vor, Katholiken sehen ihnen das nach und lassen sich die Zeit.
Es gibt noch viele andere Unterschiede zwischen Türken hüben und drüben. Bei einer solchen Untersuchung kommt man zwangsläufig auf den Hund. Überall in Beyoglu liegen nämlich herrenlose Hunde herum, an jeder Ecke kann man eine Katze kraulen. Die Katzen sehen nicht viel anders aus wie andere europäische Kurzhaarkatzen. Manche haben eine Schelle um zum Zeichen, dass sie irgendwo Fressen kriegen, ohne dass sie auf Hilfe angewiesen wären. Anderen kann es passieren, dass sie irgendwo auf dem Müll landen. Die streunenden Tiere sind für viele nämlich ein echtes Problem, das sich nur durch Massaker lösen lässt. So kämpft die Schauspielerin Sibel Kekilli mit türkischen Tierschützern für den Schutz der Tiere unter dem Slogan „Nicht jedes Leben hat ein Happy End“. Was genau mit den Tieren passieren soll, und ob ihr eigenes Leben mal ein glückliches Ende haben wird, wissen sie allerdings auch nicht. Schließlich kann Frau Kekilli nicht alle Katzenhunde bei sich zuhause aufnehmen. Überhaupt scheinen die Türken hier besonders erfinderisch zu sein. Ich höre von einem Unternehmen der türkischen Regierung, herrenlose Straßenköter wie schon einmal 1910 in Wäldern auszusetzen, wo sie niemand hört.
In der größten türkischen Stadt außerhalb der Türkei, Kreuzberg, habe ich dagegen in drei Jahren noch nie einen Türken mit einer Katze an der Leine gesehen.
Je länger ich darüber nachdenke desto mehr glaube ich, dass Türken in Deutschland mit Türken in Beyoglu wenig zu tun haben. Beyoglutürken fasten an Ramadan, der nächste Woche beginnt, nur zu 50%, 50% trinken neben dem obligaten Tee Alkohol (in Kreuzberg traut sich das niemand, der Türke sein will) und türkische Mädels sind in Berlin selten sexy. In Beyoglu tanzen in den Nachtclubs Türken mit Ray Ban-Brillen und ohne Kopftuch um die Wette, in meinem Berliner Viertel trauen sich Frauen oft nicht mal aus der Wohnung.
Vielleicht liegen die Unterschiede daran, dass in Beyoglu das Wetter besser ist. Was soll man auch bei 35° mit einer schwarzen Ganzkörperbekleidung?
Doch ich will nicht unfair sein. Auf eine Sache, die ich hier in Istanbul vermisse, freue ich mich ganz besonders: auf den Kreuzberger Döner. Den kennt hier nämlich keiner.
September 5, 2007 um 7:13
Ach ja, da werden alte Erinnerungen wach, an den Mary Jane Coffee shop in Belek. Wo sich die türkischen High Society-Kids trafen um sich ihre neuen Jeans vorzuführen…