Ausstellungsdauerfeuer

By rainerburkard

Schon lange nicht mehr nur unter vorgehaltener Hand wird Istanbul in der Kunstszene das „neue New York“ genannt. Istanbul ist in und das spürt jeder, der zur Eröffnung der neuen Saison im September 2007 in die Stadt kommt. Auf Vernissagen treffen sich junge türkische Künstler, die coolere T-Shirts tragen als im Prenzlauer Berg, bei einem Becks wird in zehn Sprachen über die internationale Szene gesprochen, die Qualität der Willkommens-Häppchen verglichen und Smalltalk gemacht – wie sonst überall auch.

Doch was Istanbul wirklich vom Rest der Kunstwelt unterscheidet, ist zunächst einmal die schiere Quantität. In der Woche zwischen dem 4. und dem 11. September kann man jeden Abend auf fünf verschiedenen Ausstellungseröffnungen die gleichen Snacks essen und den gleichen Eröffnungswein trinken. Um nur ein Highlight der vergangenen Tage zu nennen: die Ausstellung „Time present, time past“ bietet eine Rückschau auf die letzten neun Istanbuler Biennalen im Museum Istanbul Modern, in dem sich seit der Gründung 2004 die Bedeutung junger (türkischer) Kunst kristallisiert – inklusive betörenden Blick auf den Bosporus. Jeder der Kuratoren (darunter der deutsche René Block) hatte die drei wichtigsten Werke ‚seiner’ Biennale mitgebracht und so kam es zu einer eindrucksvollen Leistungsschau zeitgenössischer Kunst, die neugierig macht auf die diesjährige Biennale, die heute eröffnet wird und die viel darüber erzählt, was in zwei Jahrzehnten alles mit Istanbul geschehen ist.
In ihrer viel diskutierten Installation „God of Religions, Religions of Gods“ hat Serhat Kiraz auf der zweiten Biennale 1989 religiöse Gründungsbücher in vier Vitrinen gesammelt: Das Buch Moses, Buch David, den Koran und eine protestantische Ausgabe der Bibel. Sie sind um eine Vitrine angeordnet, die leer bleibt. Das leere Zentrum symbolisiert als Gemeinsamkeit aller vier Bücher, das, was Küng „Weltethos“ genannt hat; gleichzeitig verweigert diese Leerstelle aber auch jede weitere Deutung.
Der ebenfalls türkische und in Istanbul geborene Installationskünstler Zabunyan Sarkis dagegen baute 1995 für den Beuys-Kurator René Block eine Sitzgruppe mit Namen „Arena“, in deren Zentrum er eine große Schüssel Reis gestellt hatte, die so zum Treffpunkt und Kommunikationsforum zwischen Museumsbesuchern werden sollte. Auch diesmal gab es hier wieder Reis mit Kichererbsen, eine Abwechslung zu trendigen Snacks.
Der wohl umstrittenste Beitrag aller Biennalen der letzten 20 Jahre war der Zyklus verschleierter Frauen von Shirin Neshat 1995. Neshat photographierte „Allahs Kämpferinnen“ – alles Selbstporträts – in aggressiven Posen, einmal mit einer auf den Betrachter gerichteten Pistole in der Hand. Immer wurde ein Teil mit Sätzen aus dem Koran übermalt, mal der Kopf, mal die Hand. Der terroristische Wahnsinn, den die Bilder beschwören, ist heute noch gegenwärtiger als vor 12 Jahren. Und die Vision, dass bei Shirin Neshat eine Frau zur fundamentalistischen Rächerin wird, ist von Tarantinos „Kill Bill“ mittlerweile medial eingeholt worden.

Istanbul ist neuer, Istanbul ist jünger. Hier ist der Altersdurchschnitt viel niedriger als in Deutschland, Pärchen gehen in Istanbul nicht ins Kino sondern ins Museum. Wenn die Biennale, der kulturelle Höhepunkt des Jahres, heute Abend eröffnet wird, wird man das wieder sehen.

 

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