Natürlich sind Türken nicht schmutziger als die Deutschen. Im Gegenteil. Sauber zu sein bedeutet für gläubige Muslime nicht einfach nur äußere Sauberkeit. Beim täglichen Gebet ist die Waschung (wudhu) ist wichtigster Bestandteil, der Gläubige muss sich bei den fünf Gebeten am Tag Füße, Arme, Kopf, Mund, Ohren und Nase waschen. Es heißt, um genau zu sein: „Man reinige die Nase durch Inhalieren und Ausblasen von Wasser (3mal)“ „Sauberkeit“ bedeutet für viele Türken aber noch mehr: Sauberkeit nach Innen, Ehrlichkeit. Im Deutschen verliert sich das zwischen den Wörtern „Reinlichkeit“ und „Reinheit“. Auch bei der rituellen Waschung muss sich der Betende die Absicht (nijja) zur Waschung bewusst machen, sonst gilt sie nicht. Das komplizierte Regelwerk gibt übrigens einen Vorgeschmack auf die Regeln des Ramadan, des Fastenmonats, der für Muslime am kommenden Mittwoch beginnt. Da dürfen sie von morgens bis mitternachts nicht nur nichts essen, nichts trinken, nichts rauchen, sie dürfen auch ihre eigene Spucke nicht schlucken. Aber zurück zu den scheinbar schmutzigen Türken. Der Türke stinkt nicht. Oder?
Woher dann dieses Vorurteil, Türken seien schmutzig?
Zunächst mal ist dieses Vorteil noch gar nicht so alt. Bis ins 20. Jahrhundert wurde dem Türken nämlich allerhand nachgesagt, zum Beispiel, dass er nicht besonders helle sei („Dem Türken kommt der Verstand erst, wenn es zu spät ist.“), dass der Türke antimodernistisch und klaustrophob sei („Dem Türken scheint die Stadt ein Gefängniss.“) oder auch, dass er Dinge gründlich tue („Wohin ein Türke seinen Fuss setzt, da wird das Erdreich auf hundert Jahre unfruchtbar.“). Nirgendwo aber ist die Rede davon, dass er stinke. Dieses Vorurteil lässt sich genau datieren: 1961 kam es nach Deutschland mit dem ersten Gastarbeiter und dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen. Die meisten der aufgebauten Türken arbeiteten im Kohlebergbau oder dort, wo kein Deutscher arbeiten wollte, etwa bei der Müllabfuhr oder als Heizungsmonteure. Alles keine Berufe, bei denen Parfüm länger hält.
Doch noch einmal zurück zu den schmutzigen Türken in der Türkei. Dem deutschen Touristen, selbst wenn er aus dem schmuddligen Berlin kommt, fällt nämlich sofort etwas auf: dass es in Istanbul nämlich nirgendwo Mülleimer gibt. Und schon ist er geneigt, seine These vom schmutzigen Türken dem nächsten Türken umso vehementer unter die Nase zu halten. Der Türke stinkt. Oder?
Um diese Frage zu beantworten, muss man Geduld haben und genau hinsehen. Man merkt bald, dass viele Türken ihren Maiskolben auf die Straße werfen und Kneipenbesitzer ihr Schmutzwasser auf die Straße kippen. Man sieht kurz danach aber auch jemanden, der den Maiskolben aufhebt und das Schmutzwasser abschrubbt. Und das rund um die Uhr. Diese städtische Einsatzkraft lässt überall kleine Plastiksäcke stehen, die mit Müll gefüllt sind. Zwischen 4 und 6 Uhr morgens kommt dann ein Müllauto und holt sie ab. Das ist alles nicht besonders systematisch. Sauber ist es aber . Und bequem. Nur ein bisschen verrückter als in Deutschland. Isst beispielsweise ein Muslime Simit zum Frühstück, ein kreisrundes Sesamgebäck, bückt er sich, um die Krümel aufzuheben, lässt sie in einer Zimmerecke aber wieder fallen. Aber was ist schon logisch in einem Land, das sich einen Halbmond auf die Fahnen schreibt und in dem Touristen der Weg beschrieben wird, auch wenn niemand genau weiß, wo man hin will?