Springt man von einer fahrenden Tram, fährt sie auch nur wenig schneller als Schritttempo, muss man aufpassen nicht hinzufallen. In James-Bond-Filmen sieht das bedeutend einfacher aus. Ich bin heute mit der Tram Nr. 1 die Istiklal caddesi entlang gefahren, „Straße der Freiheit“, heißt sie auf Deutsch, von Taksim, dem großen Platz im Nordosten Beyoglus, nach Tünel. Das ist mein täglicher Gang zur Arbeit. Auf der Straße der Freiheit hat man vor allem die Freiheit, alles kaufen zu können, was man bezahlen kann. Diese Freiheit gibt sich global: Adidas, Benetton, Starbucks, McDonalds, Vodafone, viele Unternehmen haben in Istanbul und seine Touristen investiert. Außerdem hat man die Freiheit, auf dieser Straße gehen zu können, wohin man will – so lange das die Polizei zulässt. Polizeiautos verscheuchen die vielen Fußgänger so häufig wie die Trambahn, manchmal flanieren die Polizisten auch selbst: manchmal mit der MP im Anschlag. Vielleicht man gerade deshalb das Auf- und Abspringen bei einer Tram soviel Spaß: weil man damit nichts kaufen und erschießen kann.
Die echte Freiheit dieser langen Straße besteht aber darin, dass hier gehen kann, wer will. Hier kommen alle Schichten zusammen. Die ersten, die mir einfallen, wenn ich an Istiklal denke, sind die Jungs, die abends auf der Straße das Leder zuspielen. Seit meinem letzten Campingurlaub in Italien habe ich nicht mehr junge Leute gesehen, die mit so viel Spaß und so viel Gefühl einen Fußball in der Luft halten können.
Es gibt nicht nur junge Menschen sondern auch arme. Einige von ihnen betteln, nicht viele und meist auf den Seitenstraßen, denn offiziell ist das Betteln in der Türkei verboten. Und wieder denke ich an Italien: in Neapel war es das erste und letzte Mal, dass ich eine Frau gemeinsam mit ihrem Kind gesehen habe, die um Almosen baten. Damals hat mich das sehr getroffen. Hier sehe ich wieder eine Mutter mit ihrem schlafenden Kind auf den Knien. Aber seltsam, meine Reaktion ist heute eine andere. Ich ärgere mich. Über die Mutter, die ihrem Kind das antut, über die Scham, der mich die Mutter aussetzt. Dabei weiß ich noch viel zu wenig über die Türkei: ist es so, dass Menschen durch das soziale Netz fallen können, dass sie auf das Betteln angewiesen sind? Hat die Frau hier keine Chance, eine Arbeit zu bekommen?
Und wie passt diese Mutter zu anderen aus diesem Viertel? Da sehe ich einen jungen Türken, auf dessen T-Shirt „I’l make you famous“ steht – ist das selbstbewusst oder ironisch? Ich sehe wunderschöne hippe Pärchen, sehe Geschäftsleute mit entschiedenem Schritt und sehe von weitem zwei Touristen in marsmännchengrünen Hemden. Die Deutschen erkennt man auch gleich. Man weiß und sieht es einfach, hört kurz zu und geht befriedigt weiter. Das geht so weit, dass ich auf der Straße ein „Guten Morgen“ fallen lasse und ich in jedem Fall ein „Guten Morgen“ zurückbekomme, ein Grund, ins Gespräch zu kommen, ist das aber nicht – die Deutschen wundert es schlicht nicht, dass man sie in der Türkei in ihrer Sprache anredet. Deutsche haben oft eine Leidensmiene auf, sehen von Zeit zu Zeit von ihrem Gesprächspartner weg in die Ferne, als ob sie prüfend in die Zukunft schauen würden. Und sie sehen biederer aus als die anderen, biederer jedenfalls als die Türken („I’l make you famous“). Interessant auch, wen ich nicht sehe: ich sehe keinen Punk und keinen Hip-Hopper. Doch halt, jeweils einen von ihnen habe ich in einer Seitenstraße mal gesehen, sonst wäre mir gar nicht aufgefallen, dass sie fehlen.
Einen Bewohner der Istiklal-caddesi gibt es noch. Bewohner ist schon richtig, er steht nämlich immer am gleichen Fleck, dazu aber in vierfacher Ausführung. Diesen Bewohner mag ich nicht, genauso wenig wie seine Brüder in Berlin und München und in bestimmt vielen anderen europäischen Städten. Er ist kein Ausländer, er ist aber auch kein Inländer. Ein Globländer vielleicht. Denn mit ihm lässt sich Geld verdienen. Dabei ist er nicht echt. Er ist aus Plastik und er tut für einen unaufmerksamen Augenblick so als ob er öffentliche Kunst wäre. Gemeint sind die Tierplastiken, die als Symbole für eine bestimmte Stadt herhalten müssen und deshalb in verschiedenen Versionen über diese Stadt verteilt sind. In Istanbul ist es ein Stier, der mal mit Glitzer überschüttet, mal gelb, mal türkeirot daherkommt. Dabei kommt der Stier doch aus Griechenland! Zeus hat in dieser Verkleidung Europa aus Theben geraubt und sie nach Kreta entführt. Griechen und Türken sind, wie jeder weiß, nicht sehr gut befreundet, siehe Zypern. Wenn die Griechen wüssten, dass die Türken ihnen nun auch noch ihr Maskottchen streitig machen?
Egal, auf der Istiklal caddesi haben alle Platz. Und wenn ich Montagabend von der Arbeit zurückgehe, dann spiele ich endlich mit den Jungs Fußball.