Konnte Napoleon Türkisch?

By rainerburkard

Heute möchte ich über Niederlagen schreiben.
Kommt man in ein fremdes Land, als Tourist oder um dort zu arbeiten, wird man sich erst dann wohl fühlen, wenn man mit Niederlagen umgehen kann.
Was verstehe ich unter Niederlage? Adelung, Goethes Wörterbuch von 1793, sagt präzise: „Niederlage ist eine Handlung, da ein Ding niedergeleget wird.“ Die schlimmste Niederlage im Ausland ist die, die Landessprache nicht zu verstehen, eine Niederlage, an die sich viele kleine Niederlagen anschließen. Versteht man die Landessprache nicht und lernt man sie auch nicht, wie ich in Istanbul, legt man den Wunsch, die Sprache zu lernen, ab, was laut Adelung eben eine ‚Niederlage’ ist. In der Türkei, selbst im westlichen Viertel Beyoglu, spricht fast niemand eine Fremdsprache, irgendeine wohlgemerkt. Mit Deutsch kommt man vom 3. Stock des Goethe-Instituts bis zum Pförtner, mit Englisch ein klein bisschen weiter: bis zum Gemüsehändler nebenan. Dass in der Türkei niemand eine Fremdsprache beherrscht, liegt übrigens daran, dass das Schulsystem dort lange Mathematik und die Vermittlung der Naturwissenschaften in den Vordergrund stellte. In Istanbul beispielsweise hat das eigene Kind nur eine Chance, Deutsch zu lernen, wenn man für die deutsche Schule das Schulgeld in Höhe von 5000€ im Jahr zahlt. Ohne die Sprache zu beherrschen erlebt man in einem Ausland wie der Türkei also ein permanentes Gefühl des Ungenügens. Da hilft es auch nicht, dass ich auf der Straße immer wieder auf Türkisch angesprochen werde, weil die Türken meinen, ich wäre ein Türke (ob das an meinen roten Nike-Schuhen liegt? Die meisten hier stehen doch auf Adidas..).

Hat man seinen Wunsch, die Sprache zu verstehen, niedergelegt, hat das Konsequenzen. Man versteht die Werbung an den Straßen nicht, die mit ihrer obszönen Bildlichkeit doch nur ein Minimum an Sprachfähigkeit verlangen, man versteht die Witze der Türken in der Mittagspause nicht, die Augen listig zugekniffen, man kann nicht mal fragen, ob man auf der Straße Fußball mitspielen darf. Warum habe ich den Wunsch, die Sprache zu sprechen, so schnell niedergelegt? Die türkische Sprache ist schwer, besonders, wenn man gewöhnt war, jedem Wort in einer Sprache auf den Grund zu gehen. Geht man einem Wort wie ‚Bereket Döner’ auf den Grund, so kommt man irgendwann darauf, dass man der Übersetzung ‚Döner von Bereket’ nicht viel hinzufügen kann. Es gibt aber neben der eigenen Dummheit und der eigenen Faulheit noch eine andere Erklärung auf die Frage, warum ich nicht Türkisch lerne, eine andere als die Schwierigkeit der Sprache für mich als Indogermanen: nämlich die Entfesselung von Kreativität. Wie viele staunende Blicke erhält man, wenn man dem Herrn im Supermarkt endlich erklären kann, dass man eine Glühbirne und, sagen wir, keine Williamsbirne kaufen will – pantomimisches Potential ist gefragt. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass man in der Türkei als Tourist authentischer ist, wenn man die Sprache nicht kann. Nichts schlimmer, als Ausländer, die sich mit schnell gelernten Wörtern wie ‚lütfen’ (bitte) oder ‚merhaba’ (Hallo!) bei Türken anbiedern wollen. Zum Glück können sich diese Menschen schon ‚Danke’ nicht mehr merken: teşekkür ederim.

Um es mit Goethe zu formulieren: Auf eine drohende Niederlage (und die Niederlage, Türkisch nicht sprechen zu können, ist für jeden Fremden in der Türkei drohend) reagiert man am besten, indem man derselbe bleibt: „Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen.“ So charakterisierte Goethe Napoleon. Und wie man mit Niederlagen in der Türkei umgeht, wusste schließlich keiner besser als dieser: Der Franzose besiegte 1798 in Ägypten den osmanischen Sultan Selim III.

 

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