Kopf(tuch) ab?

By rainerburkard

Hilmi Or, 35 jähriger türkischer Augenarzt, der in Schwaben studiert hat, verdreht die Augen und seufzt: „Es gibt Gegenden im Südosten der Türkei, da tragen 90% der Frauen ein Kopftuch, 10% sind ganz verschleiert.“ Or sitzt in der Beiratssitzung des Deutsch-Türkischen Kulturbeirats im Goethe-Institut. Bis vorhin hat er noch Witze gemacht, jetzt wirkt er verzweifelt: „In größeren Städten wie Erzurum tragen schon 40% der Frauen Kopftuch und selbst in Istanbul werden es immer mehr!“
Hilmi Or ist nicht der einzige Intellektuelle in der Türkei, der sich Sorgen macht. Seit die konservativ-islamische Partei AKP im vergangenen Juli mit 50% der Stimmen die Parlamentswahl gewann und Ministerpräsident Tayyip Erdogan seinen frommen Freund Abdullah Gül zum Präsidenten machte, sehen viele patriotische Türken nicht mehr rot.
In der Sitzung heute geht es aber eigentlich nur entfernt ums Kopftuch. Das Goethe-Institut in Istanbul, so die Leiterin, brauche ein neues Gebäude, weil das alte zu klein sei. Die Sprachkurse sind nämlich überfüllt, nachdem das neue Zuwanderungsgesetz der Bundesregierung allen Ausländern, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, vorschreibt, bitteschön deutsch zu reden. Wo Analphabeten vom Land den Kurs nicht schaffen und deshalb nicht zu ihrem Mann nach Deutschland kommen, müsste man den Damen nicht noch Vorwürfe wegen ihres Äußeren machen. Muss man aber. Denn viele jüngere Frauen aus kleinen türkischen Gemeinden weigern sich, ihr Kopftuch abzulegen. Und mit Kopftuch in der Türkei kein Unterricht. Nicht in öffentlichen Schulen, und genau dahin muss das Goethe-Institut ausweichen, wenn es zu eng wird. Schuld am Zwang ist Atatürk, der Vater der Türken, der seit 1925 die Türkei in die laizistische Zukunft führt. Einen Ausweg für Goethe scheint da nur ein neues großes Gebäude zu liefern.
Warum ist die Debatte um das Kopftuch so wichtig? Sie ist die Gretchenfrage des Landes, sie zwingt jeden Türken zwischen Religion und Heimat zu entscheiden. Und in der Türkei herrscht Wahlpflicht. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat in seinem letzten Roman „Schnee“ erzählt, wie dieser Streit die kleine osttürkische Stadt Kars an den Rand des Wahnsinns bringen kann.

In den letzten Wochen wird in der Türkei nicht zum ersten Mal darüber beraten, Atatürks Kurs zu korrigieren. Obwohl Ministerpräsident Erdogan seit vier Jahren beteuert, die Trennung von Staat und Kirche nicht anzutasten, könnte das Kopftuchverbot fallen. Für viele wäre das der Anfang vom Ende und auch in der Sitzung sind sich hier schnell alle einig: ja, es sei nur noch eine Frage der Zeit bis das Gesetz abgeschafft sei, ja, die Türkei sei hoffnungslos rückschrittlich und gehe finsteren Zeiten entgegen. Dass in diesem Fall endlich auch in öffentlichen Schulen unterrichtet werde könnte, interessiert jetzt niemanden mehr. Kopf(tuch) ab?

Die Kopftuchdebatte ist unehrlich und sie schürt unbegründete Ängste. Als ich in der 4. Klasse war, passten ältere Frauen mit Kopftüchern in einem Klosterinternat auf mich auf und niemand hat es gestört. Dass man sich heute am Kopftuch eines muslimischen Mädchens hysterisiert, ist in der Türkei ein Zeichen für ihre Weltuntergangsmentalität; in den anderen westlichen Ländern markiert die Kopftuchdebatte die Sehnsucht nach einem neuen Feindbild, nachdem seit der Wende keines mehr zur Verfügung steht. In den 70er und 80er Jahren noch ein wichtiger amerikanischer Partner gegen den Kommunismus wird in besseren Kreisen heute darüber gewettert, der Islam sei die Guillotine der Freiheit. Doch diese Vor-Urteilung hat nichts zu tun mit aufklärerischen westlichen Werten, das bewies zuletzt der Karikaturenstreit. Besonders tolerant war es jedenfalls nicht, dummen Provokationen islamischer Einpeitscher mit dummen Provokationen europäischer Publizisten zu antworten.
Gerade meldet die türkische Zeitung Cumhuryiet, auf den neuen EU-Münzen gäbe es die Türkei nicht mehr. Wenn das eine Antwort sein soll auf die Wahl Abdullah Güls, war es die falsche. An keinem Kopftuch der Welt lässt sich ablesen, ob die Trägerin gleich eine Bombe zünden wird.

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